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SeaSEC 2026: Datenfusion als Schlüssel zum Schutz maritimer Infrastruktur

SeaSEC 2026: Datenfusion als Schlüssel zum Schutz maritimer Infrastruktur

Rostock. Eine Unterwasserdrohne gleitet nahezu lautlos durch das Hafenbecken des Yachthafens von Warnemünde. Aufgrund der geringen Wassertiefe operiert das torpedoförmige System an der Wasseroberfläche, obwohl es ursprünglich für den Einsatz unter Wasser konzipiert ist.

Von dort aus tastet ihr Sonar den Meeresboden sowie die Molen mit akustischen Wellen ab und erzeugt hochauflösende Sonarbilder: Autoreifen, Metallreste, Sedimentstrukturen sind erkennbar - typische Signaturen eines intensiv genutzten Hafenraums in der Ostsee.

Im laufenden Einsatz fällt jedoch eine Abweichung auf: ein eckiges Objekt, das in den Referenzdaten eines vorherigen Suchdurchlaufs nicht vorhanden ist.

Die erfassten Sensordaten werden unmittelbar weiterverarbeitet. Über die „Ocean Data Plattform“ von north.io erfolgt in der „Data Fusion Cell“ der Abgleich mit vorhandenen Referenzdaten. Ein Change-Detection-Verfahren identifiziert die Anomalie. Innerhalb kurzer Zeit verdichtet sich das Lagebild: Es handelt sich um eine Einbringung der sogenannten Red Cell, im militärischen Sprachgebrauch die für die Feinddarstellung zuständige Übungskomponente. Deutsche Minentaucher hatten das Objekt zuvor unter Wasser im Hafen abgelegt. Unerkannt tauchten sie in den Hafen hinein, während ein Schlauchboot zeitgleich durch auffällige Manöver Kräfte und Aufmerksamkeit der Reserveeinsatzkompanie See aus Warnemünde sowie der Feldjäger band.

north.io als Teil der Data Fusion Cell bei den SeaSEC Challenge Weeks 2026

Dieses reale Szenario verdeutlicht einen grundlegenden Wandel: Der operative Mehrwert entsteht heute nicht allein durch Sensorik, sondern insbesondere durch deren zeitnahe, integrierte digitale Auswertung.

Rote Zelle als Realitätsfaktor

Die „Red Cell“ übernimmt bei den SeaSEC Challenge Weeks die Rolle des Gegners. Sie wird multinational aus Kräften von vier Marinen zusammengestellt und bringt realistische Bedrohungsszenarien in die Erprobung ein, etwa durch das gezielte Ausbringen von Objekten, Minen, Sabotagehandlungen oder den Einsatz unbemannter Systeme. Dafür werden auch Kampfschwimmer der Marine eingesetzt. Fregattenkapitän und Minentaucher Philipp K., Leiter der „Red Cell“, erläutert: „Nur wenn wir realistische Bedrohungsszenarien abbilden, können wir beurteilen, ob die eingesetzten Systeme unter Einsatzbedingungen bestehen. Entscheidend ist dabei nicht die Demonstration, sondern die Belastbarkeit im operativen Kontext.“

Die Einbringung erfolgt in einem klar strukturierten Übungsumfeld. Einsatzräume werden eindeutig definiert, im vorliegenden Fall operierte die SeaCat im militärisch als „NOVEMBER“ bezeichneten Seegebiet. Diese standardisierte Vorgehensweise erleichtert die Koordination komplexer Abläufe während der Übung. Die beteiligten zivilen Unternehmen gewöhnten sich schnell an diese klaren militärischen Strukturen und Einsatz-Verfahren.Unbenannt-2 (13)

Strategischer Kontext: Schutz kritischer Infrastruktur

Maritime Infrastruktur, zum Beispiel Häfen, Seewege, Unterseekabel und Energieanlagen, bildet heute eine zentrale Grundlage moderner Volkswirtschaften. Gleichzeitig wächst ihre Verwundbarkeit gegenüber hybriden Bedrohungen und gezielten Störmaßnahmen.

Diese sicherheitspolitische Relevanz zeigt sich aktuell besonders im Persischen Golf und in der Straße von Hormuz. Dort verdeutlichen Vorfälle wie die Verminung von Handelsrouten, dass bereits begrenzte Eingriffe erhebliche Auswirkungen auf globale Lieferketten und Energieversorgung haben können.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Fähigkeit zur frühzeitigen Detektion und Bewertung von Anomalien im Unterwasserraum entscheidend an Bedeutung. Voraussetzung hierfür ist ein belastbares, gemeinsames Lagebild.

Schutz kritischer Infrastruktur als das Thema während der SeaSEC Challenge Weeks 2026.

SeaSEC und die Northern Naval Capability Cooperation

Die SeaSEC Challenge Weeks sind Teil der “Northern Naval Capability Cooperation” (NNCC). Dieses Kooperationsformat wurde von den Ländern Deutschland, Niederlande, Dänemark, Finnland und Schweden im Jahr 2023 in Washington initiiert, um Fähigkeiten zum Schutz maritimer Infrastruktur gemeinsam weiterzuentwickeln.

Im Rahmen von SeaSEC arbeiten Marine, Industrie, Forschung und Behörden eng zusammen. Ziel ist es, technologische Innovationen schneller in die Anwendung zu überführen und interoperable Lösungen zu entwickeln. Die nächste SeaSEC-Erprobung ist bereits für Schweden geplant.

Szenarien der Erprobung

Die Erprobung in Rostock umfasste drei zentrale Einsatzszenarien, die unterschiedliche Aspekte des Schutzes maritimer Infrastruktur abbildeten. Im Bereich Unterwasserkabelschutz wurde unter anderem ein reales Hochspannungs-Energiekabel zwischen Deutschland und Dänemark in die Lage eingebunden, um die Detektion und Bewertung potenzieller Bedrohungen unter realen Bedingungen zu erproben. Parallel dazu wurde der Schutz einer Umspann-Plattform in See betrachtet, bei dem die Überwachung und Sicherung einer maritimen Energieinfrastruktur im Fokus stand. Ergänzt wurde dies durch das Szenario Hafenschutz, in dem insbesondere das Eindringen von Gegnerkräften, wie im einleitend beschriebenen Fall durch die „Red Cell“, sowie die Sicherung komplexer Hafenräume untersucht wurden.

Für die Umsetzung dieser Szenarien hatten sich sechs Industriekonsortien gebildet, in denen Unternehmen ihre jeweiligen Technologien gemeinsam einsetzten und im Zusammenspiel testeten.

SeaSEC: Erprobung im Realbetrieb

Vom 13. bis 24. April 2026 wurden die SeaSEC-Challenge-Weeks „Data2Sea“ in der Rostocker Bucht durchgeführt. Die Erprobung erfolgte unter Leitung der Deutschen Marine und der Bundespolizei See in Zusammenarbeit mit dem „Seabed Security Experimentation Centre“ der niederländischen Marine (SeaSEC) und dem Rostock Institute for Ocean Technology (RIOT).

Mit rund 40 beteiligten Unternehmen stellt SeaSEC ein breit angelegtes Erprobungsformat dar. Im Unterschied zu klassischen Übungen liegt der Schwerpunkt auf der technologischen und konzeptionellen Weiterentwicklung unter realitätsnahen Bedingungen.

Vizeadmiral Jan C. Kaack, Inspekteur der Deutschen Marine, betont: „Für die Deutsche Marine haben diese Wochen eine hohe strategische Relevanz. Es geht um die Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten im maritimen Raum unter veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen. Unbemannte Systeme, vernetzte Sensorik und datengetriebene Lagebilder werden künftig entscheidend für unsere Einsatzfähigkeit sein.“

Die Realität dieser Rahmenbedingungen zeigte sich auch direkt vor Ort: Der Yachthafen Warnemünde wurde mehrfach von nicht zur Übung gehörenden Flugdrohnen von See und Land aus angeflogen.

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Unbemannte Systeme im operativen Kontext

Ein Schwerpunkt der Erprobung lag auf dem Einsatz unbemannter Systeme (UxV). Diese ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung, den Zugang zu schwer erreichbaren Bereichen und reduzieren Risiken für Personal.

Ein Beispiel ist der GREYSHARKTM von EUROATLAS. Die autonome Unterwasserdrohne konnte Sensordaten aus einer Entfernung von rund 40 Kilometern von See aus übertragen. Über einen ca. 10m hohen Empfangsmast von Evologics wurden diese Daten im Hafen von Warnemünde empfangen und in die Systeme integriert. Das dabei erstmals erfolgreich eingesetzte „Ping-to-Cloud“-Verfahren ermöglichte eine nahezu verzögerungsfreie Datenübertragung und Verarbeitung in Echtzeit durch north.io.

GREYSHARKTM von EUROATLAS wird zu Wasser gelassen. (Quelle: SeaSEC Official)

Datenfusion in der Data Fusion Cell

Die Vielzahl an Sensoren und Plattformen erzeugt große Datenmengen, deren isolierte Betrachtung nur begrenzten Mehrwert bietet. Entscheidend ist deren Integration in ein gemeinsames Lagebild.

Hierfür wurde eine „Data Fusion Cell“ eingerichtet. In diesem Kontext war north.io nicht als Übungsteilnehmer, sondern als Teil des internationalen Funktionsteams im Stab von SeaSEC eingebunden und verantwortlich für die zentrale Datenintegration.

In Zusammenarbeit mit Partnern wie Systematic (Lagebildsoftware „SitaWare“) wurde ein durchgängiger Datenfluss bis in das Lagebild im „Operations Room“ realisiert.

Im Vergleich zu SeaSEC 2025, bei dem Daten teilweise noch manuell verarbeitet wurden, konnte nun eine deutlich höhere Automatisierung und Verarbeitungsgeschwindigkeit erreicht werden. Carine van Bentum, Director SeaSEC, stellte diesbezüglich fest: „Durch das gemeinsame Experimentieren können Lösungen deutlich schneller in die Anwendung gebracht werden. In diesem Jahr hat sich gezeigt, welchen Unterschied eine funktionierende Datenintegration macht: Daten konnten deutlich schneller verarbeitet und in ein Lagebild überführt werden.“ Sie ergänzte, die Plattform von north.io sei hierbei ein wichtiger „digitaler Möglichmacher“ gewesen.

Auch Jann Wendt, CEO von north.io, erklärt: „Der operative Nutzen entsteht dort, wo Daten unterschiedlicher Herkunft schnell und verlässlich zusammengeführt werden können. Ziel ist es, ein konsistentes Lagebild zu erzeugen und damit die Entscheidungsfähigkeit im Einsatz zu verbessern.“

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1 north.io ist als Teil der Data Fusion Cell ein wichtiger digitaler Möglichmacher der SeaSEC.
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2 Die Data Fusion Cell ist verantwortlich für die zentrale Datenintegration während der Challenge Weeks. 

Operational Experiment (OPEX) als Brücke zur Nutzung

Parallel zur Erprobung wurde die Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Marine und north.io im Rahmen eines Operational Experimentation (OPEX) weiter ausgebaut. Dieses begann am 1. April 2026 und bildet den Rahmen für die schrittweise Integration datengetriebener Fähigkeiten.

Die Teilnahme von north.io bei SeaSEC war ein integraler Bestandteil dieses OPEX. Ziel sei es laut der Deutschen Marine, Technologien frühzeitig unter Einsatzbedingungen zu testen und iterativ weiterzuentwickeln.

Kapitän zur See Karsten Knecht als Leiter des MarineInnovationsManagements des Marinekommandos am Standort Eckernförde betont: „Wir müssen Innovation heute schneller in die Nutzung bringen. Formate wie SeaSEC, REPMUS sowie OPEX ermöglichen es uns, neue Technologien frühzeitig unter realistischen Bedingungen zu erproben, gemeinsam mit der Industrie weiterzuentwickeln und Produkte schneller in die Truppe einzuführen.“

Ausblick: Fortsetzung bei REPMUS 2026

Die im Rahmen des OPEX begonnene Zusammenarbeit wird bei der anstehenden internationalen Übung REPMUS 2026 in Portugal fortgeführt. Dort werden die in Rostock gewonnenen Erkenntnisse im multinationalen Umfeld weiterentwickelt und unter erweiterten Einsatzbedingungen validiert.

SeaSEC Data2Sea 2026 hat zusammenfassend gezeigt:

  1. Der Schutz maritimer Infrastruktur erfordert nicht nur den Einsatz moderner Plattformen, sondern vor allem die Fähigkeit zur Integration, Auswertung und gemeinsamen Nutzung komplexer Datenlagen.
  2. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war dabei die bewusst herbeigeführte, teilweise auch „erzwungene“ Interoperabilität durch die Bildung von temporären Industriekonsortien. Diese Struktur zwang die beteiligten Akteure dazu, ihre Systeme miteinander zu verzahnen und gemeinsame Lösungen im operativen Kontext zu entwickeln.
  3. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Informationsüberlegenheit unmittelbar zu Entscheidungsvorteilen führt. Grundlage hierfür ist die nahezu echtzeitfähige, automatisierte Verarbeitung großer Datenmengen sowie die parallele Durchführung operativer Prozesse. Dies ermöglicht es, Bedrohungen schneller zu erkennen, zu bewerten und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.
  4. Von zentraler Bedeutung ist darüber hinaus die ressort- und behördenübergreifende Zusammenarbeit. Erst durch ein gemeinsames, konsistentes Lagebild entsteht ein einheitliches Verständnis der Situation („Shared Situational Awareness“), das als Grundlage für abgestimmtes Handeln dient - sowohl zwischen militärischen Kräften als auch mit zivilen Sicherheitsbehörden und anderen Organisationen.

Datenfusion und Informationsüberlegenheit entwickeln sich damit zu Schlüsselkompetenzen moderner Seestreitkräfte - insbesondere im Kontext des Schutzes Kritischer Unterwasserinfrastruktur.

Zum Autor: Fregattenkapitän a.D. Arne Krüger war Kommandant, Minentaucher und Kommandeur des Seebataillons. Heute berät er Unternehmen zur Zusammenarbeit mit der Deutschen Marine.

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